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Homer lernen
12 Fragen · Literatur
Am Anfang der europäischen Literatur steht ein Rätsel: Homer. Der Dichter, dem die Antike ihre beiden Gründungsepen zuschrieb, lebte wohl im 8. Jahrhundert v. Chr. an der kleinasiatischen Küste: doch schon die Griechen wussten nichts Sicheres über ihn. Sieben Städte stritten um die Ehre, sein Geburtsort zu sein; die Überlieferung stellte ihn sich als blinden Sänger vor, der seine Verse zur Leier vortrug. Ob er wirklich existierte, ob Ilias und Odyssee von einer Person stammen oder aus mündlicher Sängertradition zusammenwuchsen: diese „Homerische Frage" beschäftigt die Gelehrten seit über 200 Jahren.
Die Werke selbst aber sind so gegenwärtig wie eh: Die „Ilias" erzählt vom Zorn des Achilleus im zehnten Jahr des Trojanischen Krieges: vom Streit mit Agamemnon über den Tod des Freundes Patroklos bis zum Zweikampf mit Hektor. Die „Odyssee" schickt den listenreichen Odysseus auf eine zehnjährige Irrfahrt heim nach Ithaka, wo Gattin Penelope die aufdringlichen Freier hinhält: vorbei am Zyklopen Polyphem, an der Zauberin Kirke, den betörenden Sirenen, bis der Heimkehrer sich mit Pfeil und Bogen zu erkennen gibt. Beide Epen sind im Hexameter gedichtet, dem sechshebigen Versmaß der Antike, und beginnen mit dem berühmten Anruf der Muse.
Für die Griechen war Homer schlicht „der Dichter": Schulbuch, Bibel und Nationalepos in einem. Alexander der Große soll die Ilias in einer kostbaren Schatulle unter dem Kopfkissen aufbewahrt haben.
Wusstest du, dass „Odyssee" bis heute in Dutzenden Sprachen das Wort für eine lange Irrfahrt ist und dass James Joyce seinen „Ulysses" als moderne Odyssee durch Dublin baute? Kein Buch außer der Bibel hat Europas Vorstellungswelt tiefer geprägt.
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