PurFact

Paläographie: Schriften und ihre Zeit lernen

18 Fragen · Sprache

Schrift ist das einzige Werkzeug der Geschichte, das seine eigene Entstehungszeit mitliefert. Wer eine Handschrift vor sich hat, muss nicht raten, wie alt sie ist: Die Form der Buchstaben verrät es, oft auf wenige Jahrzehnte genau. Genau davon handelt die Paläographie: von der Kunst, altes Geschriebenes zu lesen und einzuordnen. Ihre Geschichte ist eine Kette von Brüchen und Rückgriffen. Die Spätantike schreibt Unziale, eine runde Großbuchstabenschrift ohne Ober- und Unterlängen. Karl der Große lässt um 800 eine klare, überall gleiche Minuskel durchsetzen, damit ein in Aachen geschriebener Text in Tours gelesen werden kann: unsere heutigen Kleinbuchstaben stammen in gerader Linie von ihr ab. Das Hochmittelalter bricht die Rundungen und schreibt die enge Textura, so dicht, dass die Seite wirkt wie ein Gewebe; Gutenberg schneidet später seine Typen genau danach. Die Humanisten des 15. Jahrhunderts halten die karolingische Minuskel irrtümlich für römisch, ahmen sie nach und aus dem Irrtum wird die Antiqua, die Druckschrift Europas. Im deutschen Sprachraum läuft daneben vier Jahrhunderte lang die gebrochene Linie weiter: Fraktur im Druck, Kurrent in der Hand, ab 1915 die vereinfachte Sütterlinschrift in den Schulen. Sie endet abrupt mit dem Normalschrifterlass vom 3. Januar 1941. Dazwischen liegen die Werkzeuge und Kniffe des Handwerks: der Gänsekiel, der dünne Haarstriche erst möglich macht; die Abbreviatur, die Pergament spart; der Palimpsest, auf dem ein abgeschabter Text als Schatten überlebt; das Skriptorium ohne Kerzen, weil Feuer die größte Gefahr für eine Bibliothek war; und der Kolophon, in dem ein Schreiber seinen Namen nennt: manchmal samt Fluch gegen Bücherdiebe.

Kostenlos üben

In PurFact kommt jede Karte genau dann wieder, wenn du sie sonst vergessen würdest. So bleibt das Wissen hängen.

9 von 18 Fragen mit Lösung

Wie heißt der Fachbegriff für die Wissenschaft, die alte Schriften liest und datiert?

Lösung zeigen

Paläographie

Aus griechisch palaiós „alt“ und gráphein „schreiben“. Sie datiert Handschriften oft auf wenige Jahrzehnte genau: allein an der Form der Buchstaben.

💡 Wusstest du? Weil jede Zeit anders schrieb, verrät die Schrift das Alter einer Handschrift zuverlässiger als das Pergament.

Welche Schrift schrieben die Klöster der Spätantike vom 4. bis 8. Jahrhundert?

Lösung zeigen

Unziale

Eine Majuskelschrift: alle Buchstaben stehen zwischen zwei Linien, ohne Ober- und Unterlängen. Ihre Rundungen ließen sich mit dem Rohr besser ziehen als die Ecken der römischen Capitalis.

💡 Wusstest du? Der Name geht wohl auf „uncia“ zurück, den zwölften Teil: vermutlich die Buchstabenhöhe.

Welche Schrift setzte Karl der Große um 800 in seinem Reich durch?

Lösung zeigen

Karolingische Minuskel

Klar, rund, gut lesbar und überall gleich. Wer in Aachen schrieb, sollte in Tours gelesen werden können.

💡 Wusstest du? Unsere heutigen Kleinbuchstaben stammen in gerader Linie von ihr ab: Über die Humanisten kam sie in den Buchdruck und von dort in jede Tastatur.

Welche Schrift des 13. bis 15. Jahrhunderts steht so eng, dass die Seite wirkt wie ein Gewebe?

Lösung zeigen

Textura

Die Buchstaben stehen so dicht, dass die Seite wirkt wie ein Gewebe: daher der Name (lateinisch textura, „Geflecht“).

💡 Wusstest du? Gutenberg schnitt seine Typen für die 42-zeilige Bibel nach genau dieser Schrift: Der Druck sollte aussehen wie eine gute Handschrift.

Welche Schrift schufen die Humanisten im 15. Jahrhundert als Vorbild unserer Antiqua?

Lösung zeigen

Humanistische Minuskel

Die Humanisten hielten die karolingische Minuskel für antik-römisch und ahmten sie nach. Ein produktiver Irrtum: Aus der Nachahmung wurde die Druckschrift Europas.

💡 Wusstest du? Deshalb sind die Kleinbuchstaben dieses Satzes mittelalterlich, die Großbuchstaben aber römisch: zwei Zeitalter in einem Wort.

Welche Schriftart ließ Kaiser Maximilian I. um 1513 für seine Prachtdrucke entwerfen?

Lösung zeigen

Fraktur

Der Name kommt vom „Brechen“ der Rundungen: Jeder Bogen bekommt einen Knick. Über vier Jahrhunderte war sie die normale deutsche Druckschrift.

💡 Wusstest du? Ihr Ende kam per Erlass: Am 3. Januar 1941 erklärte ein von Martin Bormann unterzeichnetes Rundschreiben die gebrochenen Schriften zu „Schwabacher Judenlettern“: historisch frei erfunden. Ausgerechnet die Nationalsozialisten schafften damit die Schrift ab, die sie zuvor als urdeutsch gefeiert hatten.

Welche Schrift schrieb man in Deutschland vom 16. Jahrhundert bis 1941 mit der Hand?

Lösung zeigen

Kurrent

Eng, spitz und stark geneigt: die handschriftliche Schwester der Fraktur. „Kurrent“ von lateinisch currere, „laufen“: eine laufende, verbundene Schrift.

💡 Wusstest du? Wer heute Briefe der Urgroßeltern nicht lesen kann, scheitert meist an Kurrent, nicht an der Handschrift der Person.

Welche Schrift entwickelte Ludwig Sütterlin 1911 im Auftrag Preußens?

Lösung zeigen

Sütterlinschrift

1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums entwickelt, ab 1915 in Preußen eingeführt: steilere, breitere Buchstaben, kürzere Ober- und Unterlängen: leichter für Kinderhände.

💡 Wusstest du? Sütterlin ist keine eigene Schriftfamilie, sondern eine vereinfachte Kurrent: deshalb wird beides oft verwechselt.

Welche Schrift der irischen und angelsächsischen Klöster schmückt das Book of Kells?

Lösung zeigen

Insulare Schrift

„Insular“ von lateinisch insula, Insel: Sie entstand fern des Kontinents und ging eigene Wege, mit kräftigen Keilen an den Oberlängen.

💡 Wusstest du? Irische Mönche erfanden dabei etwas, das die Antike nicht kannte: Abstände zwischen den Wörtern. Sie lasen Latein als Fremdsprache und brauchten die Hilfe.

🔒 Die übrigen 9 Fragen lernst du mit PurFact Pro.

In PurFact ansehen

So lernst du mit PurFact

Kostenlos üben

Sprache: alle Themen →